Ich kenne mein Idol nicht. Und doch kenne ich es. Wenn die Fiktion auf die Realität trifft, kann das allerdings ein unschönes Ende nehmen. Das ist die Zweiseitigkeit von Fanfictions. Auf der einen Seite nimmt man sich ein Vorbild über das man schreibt. Gräbt nach jedem Infohäppchen, wühlt sich durchs Internet, bis man der Meinung ist, jeden noch so kleinen Fitzel an wertvollen Fakten zusammen getragen zu haben. Auf der anderen Seite ignoriert man die Fakten und macht sich seinen eigenen Helden, so wie er einem gefällt. Am Ende hat man die Hülle, die Millionen von Menschen auf der Welt kennt. Und diese leere Hülle füllt man mit dem, was man sich ersehnt, mit dem, von dem man träumt – auf seine eigene Art und Weise. Aus dem Grund sollten Autoren von Fanfictions niemals wegen etwas anderem beurteilt werden, als für ihr Konstrukt aus Kreativität und ihrer eigenen Meinung.
Aber zurück zum Thema: Die Seifenblase, die Fiktion platzt in dem Moment, in dem das wirkliche Idol etwas völlig Unerwartetes macht. So geht es mir heute. Seit zwölf Jahren habe ich mehrere Idole. Eines davon ist mir durch die außergewöhnliche Stimme und die nicht minder außergewöhnliche Geschichte ans Herz gewachsen. Seit dem Moment, in dem ich mir zu diesem Idol eine Geschichte ausgedacht habe – und das ist nun fast elf Jahre her – verbindet mich etwas mit ihm. Ich bilde mir eine Meinung, denke mir, wie mein Idol handeln würde, was es denkt, wie seine politische Einstellung sein könnte. Dabei handelt nicht mein Idol auf diese Art und Weise, sondern die Kopie, die ich von ihm erstellt habe – und die ich mittlerweile sehr gut kenne.
So musste ich heute relativ schockiert feststellen, dass die Ähnlichkeiten zwischen der Realität und der Fiktion gegen Null tendieren. Das Idol der echten Welt schrieb etwas, was das Idol der Fiktion niemals machen würde. Nämlich unverständliches Gebrabbel. Gibberish. In Großbuchstaben. „Wtf Caps?!“ dachte ich mir, wobei das Realwelt-Idol mit dem Ausdruck vermutlich überhaupt nichts anfangen kann. Ich hätte es dabei belassen können – einmal auf Twitter schauen, skeptisch die Augenbraue heben, fertig. Natürlich konnte ich es nicht dabei belassen, schließlich habe ich immer noch diesen Drang, möglichst viel über das Realwelt-Idol zu erfahren. Es jagte mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken, als ich las, wie das Realwelt-Idol (abermals in Großbuchstaben, „Wtf Caps?!“) jemanden recht rüde beschimpfte, der wiederum die Frau des Realwelt-Idols „flamte“. Auf der einen Seite denke ich mir „Ja, er hat schon recht.“ Auf der anderen Seite denke ich mir „Was zum Henker, machst Du nur einen so blöden Eindruck oder bist Du so beschränkt?“
Bis zum heutigen Tag hielt ich mein Realwelt-Idol für intelligent und clever. Aber ich musste schon häufiger feststellen, dass Realität und Fiktion sehr weit auseinander driften können. Das Realwelt-Idol heiratet mit Prunk und Pomp. Das fiktive Idol hingegen mag es ruhig, es ist nachdenklich, hin und wieder ein Scherzkeks. Alles in allem hat mein Held aber begriffen, was das Leben auf dieser Welt mit sich bringt – mit all seinen Höhen und Tiefen. Das Realwelt-Idol ist gläubiger Baptist und lebt in einem Bundesstaat, in dem die meisten Einwohner die Republikaner gewählt haben. Meine Schöpfung hingegen mag es demokratisch und glaubt an Gott, aber keineswegs so sehr wie sein Vorbild. Der Realwelt-Held hat seinem Kind einen absurden Namen gegeben. Himmel bewahre, dass mein persönliches Idol einen solchen Geschmack entwickelt. Und nun das.
Mir wurde der Eindruck vermittelt, ich würde mein Idol kennen. Natürlich ist das passiert. Durch Berichte im Fernsehen, in Zeitschriften, im Internet sind unsere Helden omnipräsent. Die Faszination Hollywoods und der Star-Status blenden uns, wir werden immer den Eindruck haben, wir würden unser Idol kennen. Aber wir kennen es nicht, reden nicht tagtäglich mit ihnen, haben nicht an ihrem Leben teil. Wir kennen nur das, was wir aus ihnen machen. Letztendlich sind wir es, die über Aufstieg und Fall entscheiden. Am Ende des Tages entfernt sich unsere Vorstellung von einer Person immer mehr von der Realität. Ich find' das okay. Schließlich haben wir uns die Hülle nur ausgeliehen.
Aber dieser Schock! Alter!
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